Ein vergessenes Kapitel unserer Gegend
Meine Damen und Herren,
Vor einigen Wochen haben wir im Schlößchen Borghees zwei Kurzreferate
gehört über die Grenzänderungen nach dem Wiener Kongress. Beim Grenztraktat
vom 7. Oktober 1816 wurde die alte Grenze der Grafschaft Bergh, die sich
hinzog bis zum Stadtgraben der Stadt Emmerich, auf die Wild verlegt. Damit
wurden Borghees (früher Bruchese), die Briemer, Spuelberg, Leegmeer und
Kleinnetterden Preussisch. [Viel interessante Daten im Archiv Herrlichkeit
Voorthuijzen]
Diese politische Neuordnung besiegelte die Zeit der Franzosen. Eine Zeit
von Umwertung aller Werte. Eine Zeit in der die feodale
Geselschaftsstruktur ein Ende fand. Diese Neuordnung hatte für die Bewohner
zwischen Emmerich und der jetzigen holländischen Grenze schwerwiegende
Folgen. Sie hat auch Konzequenzen für die Geschichtsforschung dieses
Gebietes. Für holländische Forscher bleibt es außer Betracht, weil das
Gebiet jetzt deutsch ist; für deutsche Forscher, weil es vor 1816
keine deutsche Geschichte hat. So fallt dieses Gebiet - wie man in Holland
sagt - "zwischen Wall und Schifff".
Es handelt sich um den südlichen Teil der alten Grafschaft Bergh, den
Gerichtsbezirk der Herren, seit 1486 Grafen van den Bergh, das schon in
a1ten Zeiten den Namen trug Vierheezen.
Ueber diesen Landstrich möchte ich
Ihnen heute Abend etwas erzählen. Erwarten Sie bitte keine
Aufsehen-erregenden Neuigkeiten. Ich möchte Ihnen nur einige Denkanstöße
anbieten.
In alten Zeiten, als der Rhein noch nicht von Deichen im Zaum gehalten
wurde, wurde bei Hochwasser das ganze Flußgebiet uberschwemmt. Wir
haben uns noch in diesem Fruhjahr davon überzeugen können. Ohne Deiche wäre
die Wasserfläche um Kilometer breiter gewesen.
Auch das Gebiet der Vierheezen wurde bei Hochwasser überschwemmt,
ausgenommen einer kaum wahrnehmbarer Sandrucken, auf dem die Menschen ihre
Hauser gebaut haben. Eine moderne Karte zeigt jetzt noch Höhenwerte an,
die schwanken zwischen 14 bis 17 Meter.
Ein Name erinnert in unserem Gebiet an dieser Situation: der Name Speelberg.
Dieser Name ist eine Entstellung aus der Zeit, als der Sandrücken seine
ursprüngliche Funktion verloren hatte, nachdem nämlich der Rhein
eingedeicht worden war. Niemand wußte und weiss noch heute, daß der
Speelberg ursprünglich ein "Spoelberg" oder "Spuelberg" war: eine
Anhöhe von Wasser umspült. Diesen Namen finden wir ohne Ausnahme in den
alteren Archivalien.
Wo lag dieser Spuelberg eigentlich genau? - Wir kennen heute noch den
Stadtteil Speelberg, die Umgebung der emmericher Liebfrauenkirche. Der
Stadtplan van Emmerich, herausgegeben vom Städte Verlag in Stuttgart,
erwähnt Speelberg zwischen Kapellenberger Weg, Dürkoffstraße und
Speelberger Straße.
Ich frage mich aber, ob wir den Spuelberg nur an dieser Stelle suchen
müssen. In den Archiven finden wir auch als Güter auf oder bei dem
Spuelberg verzeichnet: "Den Hof te Hese upten Spoelberg" und "Dat goet toe
Knyffhese bij den Spuelberge" (in den Lehnsregistern von Haus Bergh).
"Het goed Wilhese op de Spuelberg", "Heer Goessens Hese opten Spuelberg"
und sogar "Berchese gelegen to Spuelberge inden kerspel van Emmerik"
(an anderen Stellen im Archiv Haus Bergh). Ich bin geneigt zu glauben, daß
mit dem Namen Spuelberg ursprünglich der ganze Sandrücken gemeint wurde,
der sozusagen das Rückgrat der Vierheezen formt.
In einer Urkunde von 1417 finde ich tatsachlich: "incolis super Spoelberg
dicto inden Vierhesen" - Einwohner auf dem Spoelberge genannt inden
Vierheezen. Der Name Spoelberg hat sich später, als man die ursprüngliche
Bedeutung nicht mehr kannte, beschrankt auf das Gebiet östlich der
heutigen 's-Heerenberger Straße bis an die holländische Grenze bei
Kleinnetterden.
Ueber diesen Sandrücken, den Spuelberg, läuft seit uralten Zeiten ein Weg,
der im Lehnsregister "der gemeine Spoelbergische voerwegh" genannt wird.
Oestlich der 's-Heerenberger Straße heißt sie jetzt Kapellenberger Weg,
und westlich davon Hüthumer Straße. An diesem Weg haben die Menschen in
uralten Zeiten schon ihre Höfe gebaut. Diesen Weg entlang müssen wir die
vier Ortschaften suchen, die "Vierheezen" genannt wurden, mit Namen
Bruchese (jetzt Borghees), Goossenshese, Wilhese und Kniphese.
Wo Bruchese liegt, ist natürlich jedermann bekannt. Es liegt im westlichen
Teil der Vierheezen, wo sich in der Niederung der Wild Sumpf- und
Bruchländereien befanden. Der Name Borghees wurde wahrscheinlich erst nach
1680 geläufig, als Christopher Rickers sich das Schlößchen Borghees gebaut
hatte.
Zweitens Goossenshese. Es stellt sich heraus, daß mit Goossenshese die
Ortschaft gemeint ist, in der ein anderes Schlößchen liegt, mit Namen
die Hohe Sorge. Es ist ein Lehen der Herrschaft Anholt. Das älteste
Lehnsregister von 1402, das angelegt wurde, als die Herrschaft Anholt
an den Herren van Bronkhorst überging, nennt es "het goet inden Ywinck
gelegen tot Her Goessens Hese in den Kerspel van Embrick". Die Hofstadt
ist 13 Scheffelsaat groß und zum Gut gehören: "1 maldersaet im Duvendaal,
3 schepel bij de Mere, 2 halve malderzaad daarbij gelegen, 1 slag opter
Assel groot 18 malderzaad, 6 schepelzaad in den Loet, 3 schepel in den
Verstegen, 1½ malder in dieselbe stege, 4 malder op Perlixer stege, 6
malder op den Herberg, 1 malder daarbij, 10 schepel daarbij, ½ malder
daarbij". Scheffel und Malder sind Inhaltsmaße, die aber in der Zeit
auch als Flachenmaße gehandhabt wurden.
Drittens Wilhese. Das ist die Ortschaft, in der das Gut Wilhese lag. Bis
Ende des neunzehnten Jahrhunderts gehörte es zum Besitz von Haus Bergh.
In 1348 hatte Sophia van Byland es als Heiratsgut in ihre Ehe mit Wilhelm
I. van den Bergh eingebracht. Auf einer durch den Xantener Landmesser
Theodor Bucker in 1727 angefertigten Karte, welche sich auf Haus Bergh
befindet, ist das Gut Wilhese zu sehen.
Es ist nicht immer einfach, die eingetragenen Grundstücke dieser alten
Karten auf einer modernen Flurkarte zurückzufinden. Die Parzellen die
überall zerstreut liegen, werden aufgezeichnet und ohne jeden Verband auf
Papier gebracht. Außerdem wurden sie aus verschiedenen Blickwinkeln und
nach verschiedenen Maßstaben gezeichnet. Der Landmesser ging in Begleitung
von Leuten, die in der Gegend gut bekannt waren, auf das Land und zeichnete
die Parzellen wie er sie vor sich liegen sah, oder wie er sie passend fand,
um eine schöne Karte anzufertigen. Er war also kein Landmesser, sondern die
Grösse und Form der Parzelle die vor ihm lag, wurden von ihm geschätzt.
Durch drehen, wenden und vergleichen kann man die Grundstücke an den
Eckformen auf einer modernen Karte zurückfinden.
Das Gut Wilhese lag "an der straeten", am Kapellenberger Weg, und zwar auf
der Nordseite, westlich vom heutigen Hof in der Ecke Kapellenberger Weg -
Dürkoffstrasse (Dürkoffstrasse Nummer 1). Nur eine leichte Anhöhe auf der
Wiese verrät jetzt noch, wo das alte Haus gestanden hat.
Viertens Kniphese. Die Zinsregister der Grafen von Bergh zeigen uns, wo wir
Kniphese - auch Nyfhese oder Cnyfhese - finden können. Sie tragen die
Ueberschrift: "Erfthins des Dompraabsten te Utrecht in den Praabsten Hof
toe Knijfhuizen gelegen, op dag Simons en Judae, soo men op den Speelberg
te boeren plagt". Auf der soeben genannten Karte von Theodor Bucker
befindet sich der "Dompraabstenhof" neben dem Gut Wilhese. Nach einigem
Suchen und Drehen stellt sich heraus, daß der Hof gelegen hat auf der
Westseite der Dürkoffstrasse neben dem soeben genannten Hof Dürkoffstrasse
Nummer 1. Zum Komplex des Domprobstenhofes gehörte der Kapellenberg, der
auf der anderen Seite der Dürkoffstrasse lag. In den 1950er Jahren ist er
größtenteils abgetragen worden und wurde zum Bau der Autobahn verwendet.
Auf einem letzten Rest stehen die Häuser am Ponyweg Nummer 13, 15 und 17.
Hätten diese Häuser hier nicht gestanden, wäre der Kapellenberg
wahrscheinlich ganz und gar verschwunden.
Bei den Grabungsarbeiten wurde ein großer Friedhof entdeckt, der 1eider
nicht wissenschaftlich erforscht und verwertet wurde. Wohl werden im
Rheinmuseum vier frankische Tongefässe aus diesem Gräberfeld aufbewahrt.
Die Kapelle auf dem Kapellenberg gehörte zum Hof Kniphese und wurde daher
auch Knipheser oder Spoelberger Kapelle genannt. Es gab im Pfarrsprengel
der Sankt Aldegundis acht Kapellen. Vier davon sind in 1572 von den
holländischen Geuzen zerstört worden, auch die Knipheser Kapelle. Im selben
Jahr wurde auch das Observantenkloster in der Briemer von den holländischen
Soldaten vernichtet.
Nebenbei möchte ich erwähnen zu glauben, daß auf der Geest, wo der curtis
Embrich lag, auch eine Kapelle gestanden bat, genau identisch an der
Knipheser Kapelle auf dem Spuelberg. Um 1040 wurde auf der Geest dann
die Martinskirche gebaut über das Gräberfeld, das neuerdings bei den
Ausgrabungen in Sankt Martin wiederentdeckt wurde.
Mit der ersten Erwahnung des Hofes Hese - später Kniphese -fängt die
geschriebene Geschichte unserer Gegend an. Am Samstag den 7. Februar des
Jahres 823, vor 1160 Jahren also, tragt Geroward, Sohn des Landward, zu
Emmerich einen großen Teil seiner Güter an Bischof Friedrich von Utrecht
über. Ich lese Ihnen den historischen Anfang der lateinischen Urkunde vor,
wie sie im Urkundenbuch von Sloet gedruckt wurde.
"Als der glückselige Oberhirt Friedrich sah, daß das ihm anvertraute Volk
in Gottesfurcht gut vorankam, überlegte er bei sich, wie er Sankt Martins
Reichtum vergrößern konnte. Auf Gottes Rat wandte er sich bald an einen
gewissen Ritter, Geroward genannt, der sehr reich war. Und er bat ihm
einen Teil des Vermögens, das Gott ihm in den Schoß geworfen hatte, zu
spenden für die Brüder, die den allerhöchsten Himmelskönig dienen, damit
er ein ewiges Leben erwerben sollte. Der Ritter gewährte schon bald seine
Bitte und schenkte Sankt Martin in Utrecht den Hof bei Emmerich, mit Namen
Hese, das auch Bisschopswijk genannt wird, das heißt Station oder Kapelle
unserer Bischöfe, und er bestätigte seine Schenkung mit der folgenden
Urkunde."
Dieser Text ist dem "Registrum libri praepositurae maioris Ecclesiae
Traiectensis" entnommen als Einleitung zur eigentlichen Urkunde von 828.
Er stammt aus späterer Zeit, als der Curtis Kniphese schon längst etabliert
war.
In der Urkunde selbst werden die Ortschaften genannt, in denen die Erbgüter
liegen, die zum Hof Hese gehoren: mit Namen Langerak (westlich von
Doetinchem), Heelweg (bei Varsseveld in der Gemeinde Wisch), Aalten,
Varsseveld (ebenfalls in der Gemeinde Wisch), Hummelo, Hese (auf dem
Spuelberg) und Azewijn (in der Gemeinde Bergh). Sie bestehen aus Grünland,
Wiesen, Gewässern und Wasserläufen und auch eine Anzahl Hörigen, die
namentlich aufgeführt werden.
Fast drei Jahrhunderte gehört Hof Hese zur bischöflichen Domäne. Bei der
Gütertrennung zwischen Bischof und Kapiteln im elften Jahrhundert wurde
der Hof dem Domprobst zu Utrecht zugeteilt.
Inzwischen haben viele Aenderungen stattgefunden. Die Ländereien die im
weiten Umkreis liegen, sind einem Curtis oder Hof untergeordnet. Von dort
aus werden sie betreut, dort auch müssen die Bauern ihre Produkte abgeben.
Auch in den unterhörigen Besitztümer hat sich viel geandert. Neue Pfarreien
sind gestiftet und neue Güter erworben worden. Um 1200 werden genannt:
Emmerich, Elten, Rees, Kalkar, Anholt, Zutphen, Doetinchem, Keppel,
Doesburg, Angerlo, Netterden und Etten.
Im Liber Camerae des Domes, das um 1225 angelegt wurde, wird der villicus,
der Meier [d.h. Verwalter] von Hese genannt unter den Verwaltern der acht
Höfe, die jedes Jahr ihre Produkte nach Utrecht liefern müssen. Sehr
wahrscheinlich ist in dieser Zeit Eberhard von Hese der Meier des Hofes
Hese, derselbe der im Jahre 1200 mit seinen Kollegen Markgenossen einen
Teil der gemeinen Mark von Doetinchem abtritt fur die Stiftung des Klosters
Bethlehem. Er ist wahrscheinlich derselbe Eberhard, der im selben Jahr
demselben Kloster Bethlehem Güter in Wilhese verkauft. Er wird dann
Everardus de Combusta Curia, das heißt vom abgebrannten Hof, genannt.
Ich nehme an, dass der Domprobstenhof um dieser Zeit niedergebrannt ist.
Eberhard von Hese hat in 1218 anderthalbe Hufe in Gaanderen vom Emmericher
Kapitel gepachtet. In 1221 kauft das Kloster Bethlehem ihm die Zehntrechte
in Gaanderen ab. Und in einer Urkunde vom Jahre 1236 (Eberhard ist dann
schon verstorben) lesen wir, daß er auch Güter gepachtet hatte vom Kapitel
des Viktorstiftes in Xanten. Der Meier von Hese ist also eine wichtige
Person in der Gegend. Eberhards Bruder Simon ist Probst von Sankt Martin
in Emmerich.
Die Lebensmittel, die vom Hofe Hese in Utrecht abgeliefert worden sind,
werden vom Domprobst unter seinen Domherren verteilt.
Interessante Einzelheit ist, daß der Meier von Hese sich verpflichtet hat,
jahrlich ein Quantum Doppelbier zu liefern. Das Malz, das hierzu gebraucht
wird, finden wir bei den Abgaben der einzelnen Hufen zurück.
Nach dem Ertragsregister des Hofes Kniphees vom Jahre 1300 ist der "dominus
de Zulen", das ist der Herr von Anholt, "de manso Ewing", das ist die
jetzige Hohe Sorge, zur Abgabe von drei Malder Malz und fünf Grothen
verpflichtet. Außerdem lesen wir: "Dominus de Zulen de bonis suis Ymmingh
1 vaec et 2 dagmaet et 1 malder sait procurabit arari et 2 virgas sepiri"
- derselbe Herr von Anholt ist wegen seinem Gut in den Ywing verpflichtet
einmal zwei Tagesmaße und ein Maldersaat an Ackerland pfügen zu lassen und
zwei Fuhren Reisig zu liefern.
Das berühmte Doppelbier wird auf Kniphese selbst gebraut. Es ist auch
bekannt, daß das Getreide, das von den Bauern herbeigeschafft wurde,
auf den Hofen selbst verarbeitet wurde. Daraus wurde auf der Stelle Brot
gebacken, das nach Utrecht transportiert wurde. Die Herren Dompfaffen aßen
also im allgemeinen keine weichen sondern harte, steinharte Brötchen.
Aus den Archiven sind Wortstreitereien bekannt, wobei die ehrwürde Herren
sich mit diesen Brötchen bekugelten.
Dasselbe Einkünfteregister von 1300 erzählt, daß die "Curtis de Hese", der
Hof zu Hese, selbst jährlich 32 Mark Zinsen abgeben muß. Hofmeier ist in
dieser Zeit Antonius de Hese, dem in 1340 seine beiden Söhne nachfolgen.
Sie sind Pächter auf Lebenszeit und bezahlen auch 32 Mark. Die folgende
Pächter sind: Steven von Helbergen (um 1360), Hildewar Witwe des Jan van
Scroewijk (1381) und Johan Momplier von Overhaghen (1384). Der letzte
pachtet aber nicht nur den Hof Kniphese, sondern auch alle Einkünfte aus
den unterhörigen Gütern. Er verpflichtet sich den Pachtzins zu bezahlen
"vrij ende commerloos, sonder enige afcortinghe ofte verminringe ons
pachts ende van allen scade ende ongheval, die op dat goet comen mochten,
tweer van brande, roef, oorloghe, water, weder, heercrachte, herencracht
of van ander enighe saken, op sijn selfs cost, anxt ende arbeijt". Er nimmt
also alle Risikos auf sein Konto.
Unter den gleichen Bedingungen pachtet in 1402 Herr Otto van der Leck auf
Haus Aspel bei Rees den Hof Kniphese. Er hatte 1395 die einzige Tochter und
Erbin des Herrn Friedrich III. von den Bergh geheiratet.
In 1404 wird ihm auf Aspel sein Sohn Wilhelm gehoren, der in 1416 seinem
Grossvater Friedrich als Herr von den Bergh nachfolgt. Er ist in der
Geschichte bekannt als Wilhelm der Reiche. In 1429 erwarb er den
Domprabstenhof in ewige Erbpacht für 100 französische Schilde.
Jahrhunderte hindurch hat Haus Bergh jährlich um Ostern willig den
Erbpachtskanon bezahlt, bis am 30. Marz 1836 die Erbpacht losgekauft wurde.
Im Archiv von Haus Bergh fand ich samtliche Quittungen, die den Beweis
liefern, daß sich administrativ in Jahrhunderte nichts geändert hat. Der
Text lautet immer: "Ontfangen, als Kameraar des Capittels ten Dom te
Utrecht, van den heer Rentmeester der Grave van en tot den Berg etc.etc.
de somma van vierhonderd-vijf-en-negentig gulden in voldoening van een
Jaar Erfpacht van tHof in de Nieuwestraat te Knijfheezen met de landen
der Domproosdij, gelegen onder Zedichem. Verschenen Paaschen des Jaars
1700 Een en negentig. Actum den 4en April 1791. gt Van Stoetwegen". Dieser
Text muß stammen aus einer Zeit, als Kniphese noch zu Zedichem, das heißt
Zeddam gehörte und die Pfarrei Netterden noch nicht existierte.
In 1983 hat der Klever Stadtarchivar Klaus Flink eine Kartenskizze
angefertigt bei seinem Referat "Die Anteile der Stifter an der
Stadterhebung am Niederrhein, insbesondere in Emmerich". Diese Karte habe
ich für Sie kopiert und in rot einiges korrigiert und für meinen Zweck
ergänzt.
Mit der Urkunde von 828 fangt, wie schon gesagt, die geschriebene
Geschichte unserer Gegend an. Hundertvierzig Jahre spater, in 968, erzählt
uns eine Urkunde von Kaiser Otto der Große zum erstenmal über das Stift
Elten auf dem Eltenberg, woran die Stiftskirche noch heute erinnert.
Die Geschichte vom Grafen Wichman von Hamaland, von Lutgardis der ersten
Aebtissin vom Stift Elten und von ihrer Schwester Adela und ihres Mannes
Balderik ist Ihnen natürlich bekannt. Vielleicht kann ich das Bild, das Sie
von dieser Geschichte haben, ergänzen mit neuen Gesichtspunkten.
Wenn wir die Eltener Urkunden lesen, begegnen wir an verschiedenen Stellen
eine Reihe von Ortschaften, wo die Güter Wichmans lagen, die er an das
Stift abgetreten hat.
Zum ersten die Lehnsgüter, die er vom Kaiser in Lehen hielt. Von seiner
Gemalin Adelheid und seinem Vetter Theodoric Bischof von Metz läßt
Otto I. sich überreden diese dem Stift in Eigentum abzutreten. Das
geschieht am 29. Juni 968. Der Kaiser ist dann in Pistoia in Italien.
Wiederholt benachdruckt er in dieser Urkunde, daß Graf Wichman zwar das
Lehnsrecht, aber nicht das Eigentumsrecht dieser Güter übertragen konnte,
weil die Güter Eigentum des Kaisers waren.
Zum zweiten die Erbgüter, die Graf Wichmann aus dem Nachlass seiner
Vorfahren, der Brunharingen, zugefal1en waren. Diese Schenkung wird am 3.
August 970 in Bovino, gleichfalls in Italien, vom Kaiser bekräftigt.
Die Liegenschaften werden in der Urkunde mit Namen genannt.
Der Hof Elten, Fornon und Vorthusen - Emmerich, Ham und Liemers - Rijnarem,
Renkum und Bingerden - Groessen, Hoesselt und Duiven - Lienden, Ter Lee und
Indoornik - Tuil und Nasnacheli.
Merken Sie sich, daß diese Aufzählung einen gewissen Rhythmus hat.
Jedesmal werden drei Ortschaften genannt, die bei näherer Betrachtung auch
zusammen gehören. Außerdem liegt der ganzen Reihe eine logische
Folge zugrunde. Beides ist für die Deutung der Namen sehr wichtig, wie wir
sehen werden.
Offensichtlich ist Graf Wichman nach Italien gereist um den Kaiser zu
überreden seine Stiftung zu bestätigen. Unterwegs finden wir ihn und
seine Familie im Brüderschaftsregister der Abtei Reichenau zurück. Es
steht fest, daß der Kaiser nicht ohne weiteres geneigt war dem Grafen
Wichman zuzustimmen. Der Graf hat sich ordentlich aufspielen müssen um
seinen Willen durchzusetzen.
Persönlich bin ich überzeugt, daß hier eine Geschichte gespielt hat,
die von den Bollandisten in 1709 in den Acta Sanctorum aus einem Uralten
sachsischen Kronik übertragen wurde. Ich übersetze Ihnen den lateinischen
Text.
"Mirakel im Jahre 969. (Beachten Sie die Jahreszahl!) Ein gewisser
Graf des Kaisers Otto, der außerdem an ihm verwandt war, wurde in Rom vor
jedermanns Augen vom Teufel übermannt. Er setzte seine Zähne ins eigene
Fleisch und fing an sichselbst zu klauben. Auf Befehl des Kaisers wurde er
zum Pabsten Johannes XIII. gebracht, damit die Ketten von Sankt Peter ihm um den Hals gelegt würden. Kleriker legten irrtümlich ein-, zweimal eine andere Kette um, aber es wirkte nicht, weil keine Kraft davon ausging. Als endlich die richtige Kette von Sankt Peter herbeigeholt war und dem Verrückten um den Hals gelegt war, trollte der Satan ab, schreiend und schäumend und unter lautem Gejammer.” Es wird weiter erzählt, daß auch Theodoric Bischof von Metz zugegen war, den wir schon eher als Anwalt für Graf Wichman begegnet haben.
Als dann endlich der kaiserliche Kanzelist herbeigerufen wird um die Urkunde
auf Pergament schreiben zu lassen, gibt Graf Wichman selbst an, was er
schreiben muß über seinen Besitz. Er kennt es natürlich wie kein anderer
und er kann es am Schnürchen hersagen. Wie oft wird er es oben auf seiner
Burg Elten seinen Gästen erzählt haben! Zum Beispiel in 944, als Otto der
Große selbst, damals noch König Otto, auf Wichmans Burg Hoftag abhielt.
Wir stehen jetzt alle auf dem Eltenberg und sehen Graf Wichman weisen.
1) Elten, wo wir hier stehen. Dann Fornon oder Vornheim, das ist das Heim
oder der Ort, der direkt vor uns liegt, jetzt Niederelten im Westen. lm
Süden an der Wild Voorthusen. - Das ist das erste Trio.
Ueberall werden Sie finden, daß Fornon unbekannt ist. Es muß aber
Niederelten sein. Als nämlich in 996 die Erbschaft von Wichman vom Kaiser
geteilt wird, bleibt dieses erste Trio in einer Hand. Es bildet das spatere
Hoheitsgebiet der Fürstäbtissin von Elten.
Beiläufig bemerkt: haben Sie auch schon entdeckt, daß "Hochelten" eine
Tautologie ist, denn Elten = altus = hoch, also doppelt hoch? Und das
"Niederelten" eine contradictio in terminis ist: nieder-hoch?
2) Wir fahren weiter. In der Urkunde folgen jetzt Emmerich gen Osten,
Ham im heutigen Kirchspiel Beek gen Norden und Liemers gen Westen.
Wahr- scheinlich ist Liemers der aus späteren Urkunden bekannte Hof ter
Ynden in Ooij unter Altsevenaar. - Das ist das zweite Trio.
3) Dahinten liegt Arem am Rhein, jetzt Arnheim (in der Volksmund noch immer
Arem genannt), Renkum westlich von Arnheim und stromabwärts an der IJssel
bei Doesburg, Bingerden in der heutigen Gemeinde Angerlo. - Das ist das
dritte Trio.
4) Etwas näher liegen Groessen, Hoesselt oder Hoeslarij und Duiven, in der
jetzigen Gemeinde Duiven. - Das ist das vierte Trio.
5) In der Betuwe zwischen Rhein und Waal liegen Lienden, Ter Lee und
Indoornik. - Das ist das fünfte Trio.
6) Und ganz hinten in der alten Grafschaft Teisterbant, hinter Zaltbommel,
liegen Tuil und "Nasnacheli".
Dieser letzte Name ist hoffnungslos missformt und unkenntlich verstümmelt.
Das kommt aufs Konto der Schreiber, die die Urkunde kopiert hahen. Sie
haben den Text nicht gut lesen können und wußten auch nicht, wovon hier die
Rede war. Sie haben etwas daraus gebastelt.
Wir holen die Stiftungsurkunde von Abdinghof vom Jahre 1031 herbei und auch
eine Urkunde aus dem Jahre 1146, in der Pabst Eugen III. die Abtei
Abdinghof in ihren Besitztümern bestätigt. Sie wissen natürlich, daß
Abdinghof in Paderborn gestiftet wurde von Bischof Meinwerck von Paderborn,
dem Sohn der Gräfin Adela und ihres ersten Mannes Graf Ihmed. Er dotierte
seiner Stiftung Abdinghof nachgelassene Erbgüter seiner Mutter.
Beim vergleich der Texte stelt sich heraus, daß in unserer Urkunde für
Nasnacheli "quattuor capelli" gelesen werden muß. Damit werden gemeint
Haaften. Gameren, Hellouw und Nieuwaal, alle vier in der näheren Umgebung
von Tuil gelegen. Sie werden in den Abdinghofer Urkunden namentlich
aufgeführt.
Kaiser Otto III. macht in 996 auf dem Reichstag zu Nimwegen dem Kampf um
der Wichmanschen Erbschaft ein Ende. Nachträglich werden die Güter zwischen
Gräfin Adela und dem Stift Elten geteilt. Die meisten Erbgüter werden genau
geteilt, "aeque divisa", wie es in der Urkunde lautet. Ausgenommen, wie
wir gesehen haben, unses erste Trio: Elten-Fornon-Voorthusen. Sie sollten
bis an die Aufhebung des Stiftes in der französischen Zeit das
Hoheitsterritorium der Fürstäbtissin bleiben.
Ich glaube, daß man "aeque divisa" nicht so verstehen muss, als würden die
Güter selbst zweigeteilt. Vielmehr wurden die Einkünfte geteilt und blieb
das Gut gemeinsamer Besitz.
Wie wir wissen, ist 1018 die Rolle Balderiks und Adelas ausgespielt. Ihre
Güter fallen hauptsächlich dem König anheim. Was von Wichmans Erbgütern
übrig war, wurde nach dem Tode Ade1as unter lhren Kindern verteilt,
nämlich Meinwerck in Paderborn und Adela Nonne in Elten. König Konrad II.
schenkt 1025 die Güter Balderiks "seinem getreuen Werner".
Die Quellen fehlen um deutlich zu ersehen, wer letzten Endes den meisten
Profit aus der Nachlass des Grafenpaares gezogen hat. Sachkundige haben
verschiedene Hypothesen aufgestellt. Die letzte Berichte der
Wissenschaftler lauten, daß der Bischof von Utrecht der wichtigste
Rechtsnachfolger gewesen ist.
In Diensten dieses Bischofs van Utrecht taucht im Anfang des 12ten
Jahrhunderts ein Constantinus auf in unserer Gegend. Er nennt sich
Constantinus de Melegarde nach seinem Herkunftsort, nämlich Malgarten in
der heutigen Gemeinde Bramsche im Bistum Osnabrück, - er nennt sich
Constantinus de Berga oder de Monte nach der Burg auf der er wohnt, - er
nennt sich Constantinus advocatus, nach seinem Amt: Vogt, Verwalter,
nämlich des Bischofs von Utrecht.
Als Heinrich der Alte van Zutphen um 1120 stirbt, belehnt der Bischof
Constantinus erstens mit der Advokatur von Sankt Walburg in Zutphen,
das heißt mit dem Güterkomplex wuzo Zutphen und Umgebung gehören. -
Zweitens mit dem "Stenen Huis" zu Deventer, das heißt er hatte die
Verwaltung für den Bischof inne. - Drittens mit einem großen Teil der
Liemers (Gendringen. Didam und Westervoort). - Und viertens wurde er
Bischofsgraf im Gebiet von Emmerich.
In dieser Zeit hat Constantinus als Vertrauensmann des Bischofs die
Grundlage gelegt für seine Machtstellung in der späteren Herrlichkeit
Bergh.
Es gibt heutzutage noch eine Erinnerung an dem frühen Anfang von Bergh im
Gebiet der Vierheezen. Zwischen Haus Hassent und der Autobahn liegen zwei
Wiesen, die den kuriösen Namen tragen Malliaerdt, Maliarts oder Malis.
Wenn wir diesen Namen in der Vergangenheit nachgehen, stellt sich heraus,
daß es eine Entstellung ist von "Maellegaert, Melegarde". In den Berghschen
Lehnsregister finden wir einen Zehnten "de Malgart", gelegen bei Emmerich
"in Hassenderbrueck". Lehnsmann ist vor 1459 Willem van Ulft genannt
Matelang. In einer Urkunde von 1654 ist die Rede von "de Hasseltsche
weiden ofte Maljardts genoembt in sess panden an den anderen in die
graefschap Bergh, boerschap Bruchese, achter het huiß Hassent in voir ende
bepalinge gelegen". Der bekannte Historiker Toon van Dalen vermutet hier
den Ort, wo Constantinus de Melegarde sich zuerst niedergelassen hat. Von
hier aus hat er sich sein Machtsgebiet aufgebaut.
Sie wissen, dass Graf Otto von Gelre auf Bitten der Stadt und des Kapitels
in 1235 mit der Stadt Emmerich belehnt wurde. Das geschah auf Kosten des
Herrn von den Bergh. Um seine Machtstellung in den Vierheezen sicher zu
stellen, kommt Heinrich von den Bergh in 1237 mit Otto von Gelre überein,
daß er ihm die Vogtei in Emmerich innerhalb des Stadtgrabens abtritt.
Die Herren von Bergh müssen immer mehr Stellung nehmen gegenüber den Grafen
von Gelre um nicht ganz von ihnen verdrängt zu werden. Schon vor 1300
halten sie die Gerichtsbarkeit zu 's-Heerenberg und Zeddam als Lehen der
Grafen von Gelre. In den Lehnsakten des Fürstentums Gelre und der
Grafschaft Zutphen lesen wir, daß Friedrich Herr von den Bergh und Byland
in 1403 in Lehen empfängt: dat huys ten Bergh, het hoge en lege gericht in
de kerspelen van den Bergh, Zeddam en Netterden, in de buurschap Wijnbergen
und auch "dat gericht in de buyrschap van Else, van Wylhese, van
Goossenshese ende van Broeckhese, hoge ende lege".
Bis 1355 marschiert alles bestens, aber dann erscheint der Herzog von Kleve
auf die Emmericher Bühne. Er hat die Stadt als Pfand erworben. Von dem
Moment fängt eine unabsehbare Reihe von Grenzstreitigkeiten zwischen Bergh
und Kleve an. Ausführlich und deutlich hat Andreas Dederich diese
beschrieben in seinen "Annalen der Stadt Emmerich".
Ein Hohepunkt spielt in 1417. Zehn Emmericher Bürger und achtzehn Bauern
aus den "Spuelbergischen Bauerschaften" (die meisten schon sehr alte
Herren, denn je alter die Zeugen desto zuverlässiger sind die Aussagen!)
kommen ins Emmericher Gericht. Sie erklären, daß Emmerich die altesten
Rechte hat im Gebiet der Vierheezen.
Es hat den Emmerichern nicht geholfen. In 1419 entscheidet Reinald von
Gelre als Schiedsrichter, dass die Macht der Herren von den Bergh in den
Vierheezen gehandhabt bleibt. Bei den betreffenden Akten im Archiv
von Haus Bergh liegt ein Cartularium [d.i. eine Art Urkundenbuch], in dem
die Rechte der Stadt Emmerich abgeschrieben sind.
Der Herr von den Bergh aber hat seinen Rechtsgewalt über die Vierheezen
behalten. Er hielt nach wie vor Gericht vor dem Steintor van Emmerich
(1417 und 1418).
Die Nachbarstreitigkeiten aber bleiben. Immer wieder finden wir Vereinba-
rungen über Notbrücken und Schlagbäume in der Landwehr und über Einsperren
von Vieh. Zum Beispiel in den Jahren 1437, 1439, 1469 und 1534.
Bis endlich in 1565 die Grenze endgultig festgesetzt wird. Grenzpfähle
werden eingeschlagen und im nachsten Jahr werden sie durch Grenzsteine
ersetzt. Wir kennen sie alle; sie stehen jetzt noch am Hassentweg bei Haus
Hassent, im Wald zu Borghees und im Schlößchen Borghees. Weiter
auf der Gabelung Dederichstrasse und Gerhard Stormstrasse ünd im Rheinpark.
Sie zeigen auf der einen Seite den Berghschen Lowen und aüf der anderen
Seite das Klevische Karbunkelwappen von Elias Grail, und darunter der
Emmericher Eimer. Keiner aber steht wahrscheinlich noch am ursprünglichen
Standort. Wo sie in 1565 eingepflanzt sind, gibt Theodor Bucker auf seiner
Flurkarte von 1724 an. Diese Karte befindet sich im Hauptstaatsarchiv
Düsseldorf und wurde von Heinz Evers in seinen "Strassen in Emmerich"
reproduziert.
Die Grenze von 1565 is geblieben bis 1816, als die Vierheezen an Preußen
kamen. Streitigkeiten über die Grenze hat es seitdem nicht mehr gegeben.
In den Vierheezen gab es von alten Zeiten vier vornehme Häuser, "adellijcke
getimmer", wie man sie nannte, wo der Landadel wohnte. Nämlich Linthorst,
Hassent, Bruchees und Hohe Sorge. Diese Häuser bekamen - das eine früher,
das andere später - das Recht von Havezathe. Das heißt, daß die Besitzer
stimmberechtigt waren und zum Landtag geboten wurden und dass sie bestimmte
Steuern nicht zu bezahlen brauchten.
Glindhorst oder LINTHORST war ein befestigtes Haus oder Burg. Sie lag auf
dem südlichen Ufer der Wild bei der bekannten Linthorster Brücke. Im
Gelände ist die Erhebung noch deutlich zu sehen, wo das Raus gestanden hat.
Jetzt trägt der in der Nähe gelegene Bauernhof den Namen Linthorst. Als
Christiaen sGroten in 1563 seine berühmte Karte für den Spanischen König
zeichnet, ist Linthorst noch da. Es scheint eine Burg zu sein wie Haus
Bergh. Sie ist aber im 17ten Jahrhundert verschwunden. Theodor Bucker gibt
mit einem Rechteck und Graben die "alte Kasteelplatz" an. Linthorst war
ein Lehen von Bergh, welches von 1417 bis 1602 Besitz war der Familie van
Camphusen. Die Familie ging bankrott und das Gut kam in Handen der
bekannten Familie van Rees.
Haus HASSENT ist uns alle wohl bekannt. Ein niederländischer Geschichts-
forscher, Doctor Belonje aus Alkmaar, hat die Geschichte des Hofes
eingehend untersucht.
Schon 1340 wird ein Heinrich von Hassent genannt. Das Gut kam in Handen
der Emmericher Familie van der Steen und durch Heirat der Frencke, Tochter
von Sweder van der Steen und Margriet Ripperbant, 1516 in Handen der
Familie van Meverden. Im 18ten Jahrhundert mußten die Meverdens Hassent
aufgeben. In schneller Folge wurde es verkauft an Johann Hermann von Hövel
tot Weseveld. an Mathias Michael Radzitsky, einem "Obrister in Münsterschen
Diensten" aus Ungarn, an Christian Heinrich Goring, Landgerichtsassessor
aus Wesel, und schließlich an Hugo van Haaren vom Rinzenhof in Wissel.
Das Gut BRUCHESE lag ursprünglich zirka 50 Meter westlich des heutigen Schlößchens
Borghees. Die Kronik des Schlößchens ist zu sehen auf einer Wandtafel im
Schlößchen selbst. Ich lese dort: 827 - Zum ersten Mal erwähnt als
"Villa Hese juxta Embrica sita".
Gemeint ist die Urkunde von 828 die ich schon erwähnt habe. In dieser Urkunde
handelt es sich aber über Kniphees, wie wir gesehen haben, nicht über
Bruchese und noch weniger über das Schlößchen.
967 - Als Besitz von Graf Wichman von Hamalend kommt das Gut an das Stift
Elten. Das kann richtig sein und ist sogar sehr wahrscheinllch, aber
in den Urkunden von Elten wird Bruchese nicht ausdrücklich genannt.
1338 - Irmgard van den Bergh, 13. Aebtissin von Elten, verkauft das
Gut an der Familie Bruechese. Ueber die Herren von Wisch (14e Jahrhundert) und
Bergh (1461) komt das Gut an die Familie van Els (16e Jahrhundert). In 1678
wird es dem bekannten Zollbeamter Christoffel Rickers verkauft. Er baut das
Schlößchen an der Stelle, wo es jetzt noch steht.
Die weitere Geschichte kennen Sie aus dem Buch "Catharina Gräfin von
Wartenberg" von Erich Hubertz, das unserer Geschichtsverein 1986 heraus-
gegeben hat.
Die vierte und letzte havezathe ist die HOHE SORGE im Osten der Vierheezen,
in Goossenshese, wie wir gesehen haben.
Die Lehnsregister von Schloß Anholt nennen bis 1600 eine Familie van Leeuwen.
Der letzte, Johan van Leeuwen, gerät in finanzielle Schwierigkeiten und nach
seinem Ableben pfänden die Gläubiger das Gut. Es sind Pastor und Vicarii von
Sankt Aldegundis, Maria Daniels, Witwe von Gerrit van Leeuwen, die Erben der
Liesken Pelssers und die Witwe des Johan Onstein. Das Gut wird verkauft an
Conrad van Rees im Namen der Armen Studenten von Emmerich. Er ist derselbe
der 1602 die Linthorst gekauft hat. Bis in die französische Zeit bleibt das
Gut in Handen der Familie van Rees.
Vielleicht erinnert der Name "Hohe Sorge" an den finanziellen Problemen Johans
van Leeuwen! Im Lehnsregister wird dieser Name 1708 zum erstenmal erwähnt. Im
Steuerregister von Bergh komt er aber schon 1640 vor.